Essays

Der Gefühlsmann

Männer, die ihrem Trauma im Erwachsenenalter begegnen, weil sie etwas verändern wollen oder sich verloren fühlen müssen mutig sein.

Von Anne Lomberg am Juli 3, 2023 -
Aktualisiert am Oktober 26, 2023

Bereits vor einiger Zeit habe ich mich mit dem Thema der toxischen Männlichkeit auseinandergesetzt, hervorgerufen durch meine eigenen Erfahrungen in Beziehungen mit Männern, die Schwierigkeiten hatten, ihre Gefühle offen zu kommunizieren und dabei recht schnell das Tuch warfen, wenn ich zu viele intime Fragen stellte. Etwas, das mir einer aufgeschlossenen und emanzipierten Frau immer wieder begegnet und meist zum Verhängnis wird. Aber warum ist das so? Warum fällt es Männern so schwer, ihre Gefühle nach außen zu tragen und ihre verletzliche Seite zum Vorschein zu bringen, wenn es doch viel einfacher und produktiver für die Beziehung wäre? Fragen, die ich lange nicht beantworten konnte, bis ich mehr über die gesellschaftliche Erwartungshaltung gegenüber Männern erfuhr, die sich nach der Geburt bereits manifestiert.

Übertragung des Patriarchats

Traditionelle Männlichkeitsbilder, die Männlichkeit durch Stärke, Dominanz, dem Abgrenzen von Gefühlen und Verletzlichkeit suggerieren, bestehen seit Jahrzehnten und werden von klein auf übernommen. Dadurch wird eine falsche Vorstellung von Männlichkeit vermittelt, die sich wie ein Teufelskreis vermehrt und auf Beziehungen und neue Generationen überträgt. So bedeutet unabhängig sein, sich emotional kühl zu verhalten, die eigenen Gefühle nicht zu hinterfragen und leistungsbezogene Wertschätzung als Ideal zu verstehen. Während Frauen im Gegensatz dazu erfahren, sich emotional auszudrücken und Verletzlichkeit als Sprachrohr zu verwenden. Man könnte fast sagen, dass die Power der offenen und empathischen Kommunikation in unserem Geschlecht liegt, ob wir als Junge oder Mädchen auf die Welt kommen; zumindest, wenn wir die traditionelle Männlichkeitsideologie betrachten und diese als unser ideales Erziehungskonzept übertragen. Wie falsch das allerdings ist, bestätigen etliche Studien, die klar machen, wie gefährlich das Festhalten an traditionell männlichen Denk- und Verhaltensmustern ist.

Toxische Männlichkeit

Mit der Abwertung zu weiblichen Charaktereigenschaften wie sensibel, verletzlich, hingebungsvoll und empathisch wird die toxische Männlichkeit geboren und bezieht sich auf eine klare Abgrenzung, die nur durch Stärke, Aggression, Erfolg und Abkopplung von Gefühlen definiert werden kann. Was entsteht, ist eine fehlgeleitete Suche nach Halt und Dazugehörigkeit.

Toxische Männlichkeit schadet nicht nur Frauen, anderen Männern und der Gesellschaft, sondern auch dem eigenen Sein; sie ist gefährlich für den Körper und die Psyche. Männer, die von klein auf erfahren, keine Schwäche zeigen zu dürfen, leiden innerlich. Diese Männer tragen ein Haufen Gefühle mit sich rum, ohne sie jemals zu offenbaren. Was als unabhängiges Lebensbild gelehrt wird, ist das wohl Traurigste und Unfreieste, was ich je gehört habe. Ein Teil von mir fühlt sich mitschuldig, geboren in einer Generation, in der dominante Männlichkeitsbilder als attraktiv galten, haben mich ebenso geprägt wie angetörnt. Damit stehe ich übrigens nicht allein. Gerade was die sexuelle Komponente betrifft, so kann ich nicht leugnen, dass ich mich zu dem introvertierten, mysteriösen Mann hingezogen fühle, aber dennoch im alltäglichen Leben eine offene Kommunikation und Verletzlichkeit wertschätze. Dazu werde ich später einen unabhängigen Artikel verfassen. Heute geht es ums Umdenken und dem Verabschieden der traditionellen Männlichkeitsideologie hin zum modernen Gefühlsmann.

Metamorphose

Männer, die ihrem Trauma im Erwachsenenalter begegnen, weil sie etwas verändern wollen oder sich verloren fühlen; sei es aufgrund gescheiterter Beziehungen oder der Realisierung, dass ohne dem Ausleben offener Gefühle eine stetige Sackgasse wartet, müssen mutig sein. Sie müssen gegen den Strom schwimmen und sich gegen gesellschaftliche Konventionen auflehnen, um das eigene Selbstwert- sowie ein ehrlicheres Lebensgefühl zu erlangen. Denn die Gefühle schlummern schon die ganze Zeit tief im Inneren, sie müssen lediglich zugelassen werden und in einem sicheren Raum ein Ventil zum Loslassen finden. Wer jahrelang vor seinen Gefühlen wegrennt, wird irgendwann von dieser Last überrollt und bringt damit nicht nur sich selbst in Gefahr, sondern auch andere; ein Katalysator für Gewalt.

Um zu heilen, ist es wichtig, Frieden mit seinem inneren Kind zu schließen, dem Vater und der Mutter für die falsch angewendeten Erziehungsmuster zu vergeben, sich dem Trauma stellen und mutig voranzuschreiten mit der Gewissheit, dass eine bessere Zukunft wartet. Um zu heilen, ist es wichtig, die Wunden der Selbstabkopplung zu pflegen und zu verschließen, sich für andere einzusetzen und empathisch zu sein. Um zu heilen, ist es wichtig, Selbstliebe zu lernen und sich nicht zu schämen, verletzlich zu sein, wenn Gefühle auftauchen, die nur darauf warten, befreit zu werden. Wer nach einer Möglichkeit sucht, seine Beziehungen intimer zu gestalten, muss kommunizieren, sodass Beziehungen nicht einfach enden, bevor sie überhaupt begonnen haben.

Wir brauchen mehr Gefühlsmänner. Auch ich bin geprägt von Traumen, so wie über 70 % der Weltbevölkerung, die sich in verschiedenen Beziehungen widerspiegeln, aber ich trete in Kontakt mit mir selbst und versuche etwas zu verändern, was mich und andere längerfristig glücklicher macht. Es ist wichtig, mutig zu sein, zu weinen, Angst zu haben und zu leiden, um ein besserer Mensch zu werden: Ein Mensch, egal ob männlich oder weiblich, der sich selbst kennt, der auf sich und andere aufpasst, der Güte, Fürsorge und Liebe als etwas Positives anerkennt, ohne zu verurteilen oder zu verletzen. Stell die Antennen ein, realisiere deine Gefühle als das, was sie sind, etwas Wunderbares, etwas, das sich zu teilen lohnt und gib diese Gefühle weiter an die nächste Generation, denn der Gefühlsmann könnte die Welt retten!

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