Essays

Feministisch und Devot

Eine Frau, die ihre Bedürfnisse und Gelüste kennt, fordert diese selbstbewusst von ihren Partnern ein. Und wenn sie sich dabei wünscht, geschlagen und erniedrigt behandelt zu werden, dann dient dies einzig und allein ihrer Befriedigung.

Von Anne Lomberg am Juli 25, 2023 -
Aktualisiert am Oktober 21, 2023

Auch auf Englisch verfügbar
Feminist and Submissive

Wer Feministin ist, wird sich im Bett wohl kaum unterwerfen lassen. Mit diesem Thema treffen wir einen Nerv der Widersprüchlichkeiten, möchte man meinen, aber ich sage – auf keinen Fall-. Wer behauptet, dass selbstbestimmte, starke Frauen sich im Bett nicht unterwerfen lassen sollten, weil es nicht ihrer „politischen“ Haltung entspricht, hat meiner Meinung nach keine Ahnung, was Freiheit wirklich bedeutet. Die Freiheit, sich seiner Haltung durchaus im Klaren zu sein und sich seinen Gelüsten und Bedürfnissen ungehindert hinzugeben, ohne sich darüber Gedanken zu machen, ob man gerade irgendwelche gesellschaftlichen Erwartungen oder Geschlechterklischees erfüllt.

Nach einer intensiven Recherche ist mir dabei nicht entgangen, wie kontrovers darüber diskutiert wurde und wie regelrecht eine extremistische Meinung bei denjenigen zum Vorschein kam, die sexuelle Devotion völlig ambivalent fanden und diese Frauen missbilligend in ihren Aussagen erwähnten. „Frauen hört auf, euch beim Sex zu unterwerfen!“ Klingt fast wie eine Kampfansage, vor allem, wenn wir uns vor Augen führen, dass es beim Sex um den spielerischen Austausch von zweier oder mehrerer Individuen geht. Natürlich musste ich mich dieser „Widersprüchlichkeit“ auch schon, dass ein oder andere Mal stellen und wurde dann argwöhnisch beäugt. Aber wieso passt das Bild der starken, unabhängigen Frau und der nach Gehorsam lechzenden Untergebenen für die meisten Menschen nicht zusammen?

Veraltete Rollenbilder

Schauen wir uns unsere vom Patriarchat geprägte Rollenverteilung an, erklärt sich so einiges. Lange wurde die weibliche Lust geleugnet, geschweige denn auf befriedigende Weise ausgelebt und es gab keinen, ich nenn es mal „freien Spielraum“, um sich dieser bewusst zu werden. Denn immerhin standen an erster Stelle der Mann und die Erfüllung seiner Bedürfnisse. Sex wurde aus Frauensicht nicht aktiv mitgestaltet und rutschte automatisch in die defensive Funktion. Aus diesem Grund können sich insbesondere Frauen oft nicht vorstellen, freiwillig in diese Funktion zurückkehren zu wollen.

Der Punkt ist aber, dass sich eine Frau, die ihre Bedürfnisse und Gelüste kennt, diese selbstbewusst von ihren Partnern einfordert. Und wenn sie sich dabei wünscht, geschlagen und erniedrigt behandelt zu werden, dann dient dies einzig und allein ihrer Befriedigung. Es ist also das komplette Gegenteil einer defensiven Funktion. Man könnte sogar so weit gehen und behaupten, dass die unterwürfige Position die Machtausführende ist, denn am Ende ist sie diejenige, die Grenzen bestimmt und dem dominanten Partner erlaubt, nur so weit zu gehen ohne diese Grenzen zu überschreiten. Gegenseitiger Respekt und Absprachen sind also Grundvoraussetzung.

Eine persönliche Geschichte

Als ich damals meine devote Rolle kennen und lieben lernte, war ich alles andere als darauf vorbereitet und zunächst skeptisch. Auf Craigslist suchte ein Maler ein neues Modell für sein Projekt. Ich war neugierig und habe mich auf seine Annonce gemeldet. Nachdem wir Nummern getauscht und das Craigslist-Portal verlassen hatten, schrieb er mir ununterbrochen und das recht eindringlich. Er stellte mir viele persönliche Fragen und testete mich für sein eigenes Ziel: eine devote Partnerin zu finden. Alles passierte über Textnachrichten. Er schrieb Dinge wie: „Wenn du vorbeikommst, tust du, was ich sage.“, „Meine kleine Hure.“, und „Ich werde dich würgen und versohlen, bevor du meinen Schwanz blasen darfst.“ Ich weiß noch, wie ich anfänglich dachte, wie redet der eigentlich mit mir und gleichzeitig bemerkte, wie mir innerlich heiß wurde. Ich hab den Typen noch nicht mal live gesehen, aber wurde durch diese Art der Kommunikation so was von feucht. Es hat mich zum einen beunruhigt und zugleich erregt. Ich wusste nicht wirklich, wie ich mit diesen Gefühlen umgehen sollte und warum sie so etwas in mir auslösten. Und natürlich habe ich mich selbst infrage gestellt und stark kritisiert, weil ich mich als emanzipierte Frau wahrnehme, die sich auf keinen Fall als Hure oder Sklavin bezeichnen, geschweige denn sich bereitwillig unterwerfen oder sich sogar schlagen oder würgen lässt.

Aber ich tat all das und mit so großem Ehrgeiz, dass ich das Gefühl hatte, endlich lebendig zu sein. Ich verwandelte mich in die Submissive Sklavin, die sich all den Strafen und Belohnungen meines Meisters mit Vergnügen aussetzte. Im Nachhinein betrachtet bin ich sehr dankbar für diese Erfahrung, denn dadurch habe ich mich mit meinen verborgenen Bedürfnissen auseinandergesetzt und herausgefunden, dass Lust in Verbindung mit Unterwerfung und Schmerz eine willkommene Kombination ist, zumindest für mich. Es bedeutet allerdings nicht, dass ich nur so zum Höhepunkt komme oder einzig und allein meine devote Seite auslebe. Aber es triggert etwas tief in mir, dass ich mit bestimmten Personen teilen kann. Meine feministische Seite ist dabei komplett integriert, weil ich weiß, was ich will und das zum Ausdruck bringe, weil ich den Drang verspüre, mich erniedrigen zu lassen und das ganz selbstbestimmt.

Auf Spurensuche der eigenen Lust

Natürlich spielen verschiedene Faktoren wie persönliche Erfahrungen, kulturelle Normen und soziale Umstände eine entscheidende Rolle, ob man sich überhaupt unterwerfen kann oder will. Viele Frauen haben jedoch spätestens nach „Fifty Shades of Grey“ gemerkt, dass es sie irgendwie anturnt, im Bett dominiert zu werden. Ich fand diesen Film allerdings nicht sonderlich reizvoll, weil er zu viele stereotypische Klischees bedient. In diesem Zusammenhang möchte ich auf den Film „Secretary“ verweisen, bei dem man eindeutig ein klares Verständnis für die devote und starke Haltung der weiblichen Hauptfigur bekommt; bei dem die Sub die treibende Kraft ist. Auch der männliche Hauptdarsteller spielt eine wichtige Funktion, indem er sich von Mainstream-Dominanz und der Unterwerfung der Frau auf respektlose Weise verabschiedet. Er übernimmt Verantwortung, ohne diese auszunutzen. Hierbei geht es um die gegenseitige Erfüllung von Gelüsten auf Augenhöhe, die nur erfüllt werden können, indem sich beide Seiten klar sind, was ihrer persönlichen Befriedigung dient: dem devoten Part die völlige Kontrollabgabe und Gehorsam, dem dominanten Part die Kontrollübernahme und Überlegenheit.

Bezeichnest du dich selbst als Feministin und tust dich mit der devoten Rollenverteilung auf sexueller Ebene schwer, weil du sie für passiv und politisch unkorrekt hältst, dann solltest du etwas tiefer in dich gehen und dich fragen, warum das bei dir so eine negative Gegenreaktion auslöst. Devot bedeutet, sexuell selbstbestimmt zu sein, zu wissen, was man mag und dies offen kommunizieren zu können. Es ist ein unglaublich befreiendes und ermächtigendes Gefühl in einem eigens kreierten Spielraum, indem man sich einvernehmlich auf ein Terrain begibt, dass dem Ausleben der geteilten Lust keinerlei Grenzen setzt.


    

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