Essays

Sexualaufklärung für alle – Je mehr wir wissen, desto besser

Eine zeitgemäße Sexualaufklärung ist umfassend. Es geht darum, Sexualität als etwas Natürliches, Ganzheitliches wahrzunehmen, Jugendlichen eine gesunde Vorstellung zu vermitteln, worauf es beim Geschlechtsverkehr ankommt.

Von Anne Lomberg am August 23, 2023 -
Aktualisiert am Oktober 21, 2023

Auch auf Englisch verfügbar
Sex Ed for all

Machen wir uns nix vor, über Sex zu reden und selbstbestimmt Lusttrigger zu benennen, gelingt nur den wenigsten. Warum das so ist, hängt zum einen mit einer schlechten Sexualaufklärung sowie dem Stigma gegenüber einer offen gelebten Sexualität in unserer Gesellschaft zusammen. Sex ist immer noch etwas, dass im Verborgenen ausgelebt, aber in der Öffentlichkeit kaum zur Sprache gebracht wird. Über Sex zu reden ist Übungssache und je mehr wir uns mit dem Thema beschäftigen und es thematisieren, je mehr wirkliches Wissen erhalten wir, denn es gibt nichts Schlimmeres als gefährliches Halbwissen, dass vor allem wenn wir den Bezug auf Kinder und Jugendliche richten, zu negativen Überraschungen wie Schwangerschaften oder Krankheiten führen kann. Deshalb ist eine gute Sexualaufklärung entscheidend, denn Bildung prägt den Umgang, d. h., je mehr man weiß, umso wertschätzender geht man damit um.

Als Generation Y oder auch Millennial-Geborene habe ich, wie so viele andere keinen Sexualkundeunterricht erhalten und mir mein Wissen ausschließlich über den Austausch mit Freunden oder diversen Magazinen wie der Bravo angeeignet. Und mit Wissen meine ich vor allem, was mit Lust und nicht mit Reproduktion einhergeht. Denn das Einzige, was im Biologie-Unterricht auf dem Lehrplan stand, war, wie es zu einer Schwangerschaft kommt und was die Periode bedeutet. Dabei spielt eine gute Sexualaufklärung in jungen Jahren eine entscheidende Rolle, die uns neben der reproduktiven Gesundheit über sexuelles Wohlbefinden, Geschlechtsidentität und Einwilligung aufklärt. Sexualaufklärung ermutigt junge Menschen dazu, wichtige Entscheidungen über ihre Gesundheit zu treffen und befähigt sie zu erkennen, dass ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden an erster Stelle stehen, aber auch, dass das Gegenüber respektvoll berührt und Grenzen akzeptiert werden.

Reden wir über Sex

Neben fehlender oder schlecht vermittelter Sexualaufklärung in der Schule stehen Eltern in der Verantwortung, ihren Kindern den offenen Austausch über sexuelle Fragen zu erlauben, ohne in Scham zu versinken. Das heißt, Erwachsene müssen sich erst selbst kompetent machen und kompetent erleben. Wer mit sich und seiner Lust im Klaren ist und diese als natürlichen Part im Alltag integriert, genauso wie Essen und Schlafen, hat ein vollkommen unverkrampftes Verhältnis in Bezug auf Sexualität, wird diese einfacher kommunizieren können und auch als völlig normal wahrnehmen. Im Prinzip könnte man sagen, dass jene, die nicht in der Lage sind, offen über Sex und Lust zu sprechen, behindert sind. Es fehlt ihnen an Weitsicht und dem natürlichen Instinkt, dem animalischen Trieb, den wir alle, ob gelebt oder unterdrückt in uns tragen. Es geht um die Beziehung zum eigenen Körper, den Umgang mit Gefühlen, dem Wissen um die eigene Lust und nicht nur um Biologie. Als sexuelle Wesen müssen wir offen sein, wir müssen in der Lage sein, unverkrampft über Sex sprechen zu können. Dies ist eine Pflicht gegenüber einer aufgeschlosseneren Gesellschaft und den nächsten Generationen.

Betrachten wir das Medium Internet, so ist es heutzutage einfach für Kinder, sich ihr Wissen nach Lust und Laune herauszupicken, ob es wahr oder falsch ist, bleibt erst mal dahingestellt. Und da sehe ich definitiv Redebedarf, um nicht auf falsche Fährten zu lenken. Insbesondere die Pornoindustrie ist total irreführend und verändert die Wahrnehmung in Bezug auf Sex drastisch. Frei zugänglicher Porno ist einfach zu googeln und die ich nenne es mal „Kindersicherung“ leicht zu umgehen. Da findet man dann unrealistische Sexszenen, die sich über Stunden ausdehnen, bei denen der Mann nie an einer Erektionsstörung leidet und bei der die Frau ständige Megaorgasmen allein durch Penetration bekommt. Nicht zu vergessen, dass die meisten verfügbaren Videos sehr auf Macht und Unterdrückung ausgelegt sind, bei der die Frau als Lustobjekt benutzt und ausschließlich für den Mann zur Verfügung gestellt wird. Deswegen ist ein umfangreicher sexueller Dialog total wichtig, um nicht nur auf Verhütung, Geschlechtskrankheiten oder Schwangerschaft aufmerksam zu machen, sondern auch, um ein Gefühl für die eigene Lust zu entwickeln und diese selbstbestimmt ausleben zu können.

Jeder Mensch hat ein Recht auf Lust

In diesem Zusammenhang möchte ich mich noch einmal selbst offenbaren, wie ich es schon in vielen Artikeln zuvorgetan habe. Ich mache dies absichtlich, um mehr Menschen zu einem offenen Umgang und Austausch ihrer eigenen Lust zu ermutigen. Aufgrund fehlender Sexualaufklärung und mangelhafter Vorstellungen, die ich mir damals über Filme, Magazine und den Gesprächen mit Freunden angeeignet habe, kam es dazu, dass ich bis zu meinem 30. Lebensjahr nie einen Orgasmus erlebt habe. Ich denke, damit stehe ich nicht allein. Für viele Frauen inklusive mir ging es ausschließlich um die Lusterfüllung des Mannes. Zumindest haben wir das in Filmen gelernt, in denen Frauen in Missionarsstellung vor Erregung stöhnen und das Hauptziel darin bestand, den Mann zum Abspritzen zu bringen. Vielleicht dachte man manchmal sogar, wann ist es endlich vorbei, dieses ständige Penetrieren bringt irgendwie gar nix. Ja, genau, weil es das allein einfach nicht ist. Es ist eine Fehlinformation, die immer und immer wieder zur Schau gestellt wird. Sex ist so viel mehr als Penetration, ich hatte die besten Orgasmen meines Lebens beim gegenseitigen Masturbieren oder dem Spiel mit Toys.

Intimität und Orgasmen zu erleben ist nicht selbstverständlich, wir reduzieren die positive Energie, die damit einhergeht auf ein Minimum, indem wir nicht darüber reden oder das Thema ernst nehmen. Sex sollte nicht mit Scham behaftet sein, es wurde den Menschen natürlich gegeben, ein Glücksgefühl, das es zu erforschen, zelebrieren und zu fördern gilt. Eine zeitgemäße Sexualaufklärung ist umfassend. Es geht darum, Sexualität als etwas Natürliches, Ganzheitliches wahrzunehmen, Jugendlichen eine gesunde Vorstellung zu vermitteln, worauf es beim Geschlechtsverkehr ankommt, nämlich die Gefühle mit dem Körper in Einklang zu bringen, im Klaren darüber zu sein, was möchte ich und wo sind meine Grenzen, wie komme ich zum Höhepunkt und wie kann ihn mein/e Partner/inn mir beschaffen. Selbstbestimmt die eigene Lust in die Hand nehmen, ist das nicht etwas, dass wir uns alle insgeheim wünschen? Sexualaufklärung ist für alle Menschen wichtig, nicht nur für Kinder, sondern auch Eltern, die selbst keine oder eine nur mangelhafte Sexualaufklärung erhalten haben, sodass dieses gefährliche Halbwissen nicht weiter vermittelt wird. Aber auch für alle anderen, die ihre Sexualität von nun an kontrollieren und damit offen umgehen wollen, um zu einem erfüllteren Leben zu gelangen.

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