Essays

Solo-Glück – Vom Suchen und Finden der (Selbst)-Liebe

Unsere Gesellschaft verzerrt individuelle Wertvorstellungen in Zusammenhang mit Glück.

Von Anne Lomberg am Januar 2, 2024 -
Aktualisiert am Januar 8, 2024

Auch auf Englisch verfügbar
Solo Bliss

Wie fühlt es sich an, über mehrere Jahre Single zu sein und was für eine Revolution ist da eigentlich im Gange? Während früher unser Glück damit zusammenhing, schnellstmöglich einen Partner zu finden, zu heiraten und Kinder zu kriegen, geht es heute viel mehr darum, sich selbst zu verwirklichen. Keinen Partner zu haben ist angesagt wie nie zuvor und auch ich reihe mich mutig zu den Dauersingles ein, ohne mich weniger geliebt oder minderwertig zu fühlen. Ganz im Gegenteil, allein sein ist unglaublich erfüllend, es gibt mir die Möglichkeit, mich besser kennenzulernen, über mich hinaus zu wachsen und eine intime Beziehung zu mir selbst aufzubauen, die mich zu meinem besten Partner überhaupt macht. Etwas, das jeder einmal entdecken sollte; mehrere Jahre solo sein, eine echte Offenbarung.

Das bedeutet allerdings nicht, dass ich partout eine Beziehung ausschließe, es hat eher damit zu tun, mit wem ich zusammensein möchte, weder gibt es eine riesige Auswahl an potenziellen Männern, noch ausreichend Seelenverwandte in diesem einen Leben. Klar gehe ich auch auf Dates und lasse mich gern überraschen, aber meine Kompatibilitätsvorstellungen haben seit ein paar Jahren bereits einen neuen Kurs eingeschlagen. Heute schaue ich genau hin und achte auf die Details im Gesagten. Heute suche ich keinen Mann mehr, der mein Leben vervollständigt, denn mein Leben ist bereits vollständig. Heute bin ich ganz bei mir und überlege lieber zweimal, wen ich wirklich mit nach Hause nehme und wen lieber nicht. Denn auch die einst verführerischen One-Night-Stands sind nur noch eine langweilige Aneinanderreihung von ähnlichen Ereignissen, die mir keinerlei Befriedigung geben. Dann mache ich es mir doch lieber selbst und teile meine Sinnlichkeit mit jemanden, der mich wirklich versteht.

Alte Modelle sind nicht mehr zeitgemäß

Aber wieso entscheiden sich Frauen heutzutage ganz bewusst allein zu sein? Eine Frage, die sich nicht allgemein klären lässt, aber doch ähnliche Parallelen aufweist, zumindest wenn ich an meinen weiblichen Single-Freundeskreis denke und unsere geführten Gespräche. Ein Grund ist Energieknappheit. Hat man schon einmal über viele Jahre Energie in eine, sagen wir mal toxische Beziehung gesteckt und herausgefunden, dass es völlige Zeitverschwendung war, wird man sich zukünftig zweimal überlegen, wer Aufmerksamkeit verdient und ob es sich überhaupt lohnt, dranzubleiben. Dazu kommt das Alter, umso älter wir werden, umso weniger Kompromisse machen wir. Insbesondere wenn wir uns komplett in unserem Solo-Alltag eingerichtet haben. Die finanzielle Unabhängigkeit spielt auch eine Rolle. Während es früher darum ging, dass der Mann für den Unterhalt sorgt und die Frau zu Hause bleibt, streben wir heute unsere eigenen Karrieren an, eine Selbstverwirklichung, die uns lange verweigert wurde.

Es gab Zeiten, da war ich permanent auf der Suche nach Liebe, Liebe, die ich mit einem Mann in Verbindung brachte, mich manchmal so intensiv nach körperlicher Nähe sehnte, dass es schmerzte. Zu dieser Zeit sprach ich mit einer Freundin, die mittlerweile in London lebt. Sie sagte zu mir und das habe ich nicht vergessen: „Aber Anne, überleg doch mal, ist es wirklich das, wonach du dich sehnst, Tag ein und Tag aus neben demselben Mann aufwachen? Stell dir mal vor, der liegt dann in deinem Bett, ihr atmet dieselbe Luft, wahrscheinlich fängt er auch noch an seine Sachen mit in deine Wohnung zu integrieren, und plötzlich ist nichts mehr deins. Ganz zu schweigen von dem Sex, der immer langweiliger wird, weil ihr euch bereits in- und auswendig kennt.“ Ich gebe zu, dass ich dieser Vorstellung ambivalent gegenüberstand, nicht weil ich schon einmal genau diese Gedanken geteilt habe, als ich aus einer monogamen Langzeitbeziehung kam, sondern weil ich mir in diesem Moment nichts Schöneres vorstellen konnte. Ich wollte um jeden Preis wieder mit jemanden zusammen sein, egal wie monoton und eingeschränkt mein Leben dann vielleicht wäre.

Grundsätzlich kann man sagen, dass unsere Gesellschaft individuelle Wertvorstellungen in Zusammenhang mit Glück verzerrt; nämlich die Illusion, das ultimatives Glück ausschließlich in der Liebe zu einem anderen Menschen zu finden ist. Damit will ich nicht schlechtreden, wenn manche Leute genau ihr Glück auf diese Weise gefunden haben und dies ihr persönliches Streben nach Vollkommenheit ist. Aber es sollte differenziert werden und eine Heirat beispielsweise nicht mit steuerlichen Vergünstigungen belohnt werden.

Jeder ist seines Glückes Schmied

Nachdem ich mir eine Auszeit genommen habe, allein in ein fremdes Land gezogen bin, aufgehört habe, das Glück in irgendeiner Partnerschaft zu suchen, wurde mir bewusst, dass sich mein Glück auf keine Person bezieht, sondern vor allem in der Erfüllung meines kreativen Schaffens, dem Grübeln über anstehende Geschichten oder dem Philosophieren über neue Projekte. Mittlerweile verbringe ich mehr Zeit mit Katzen als mit Menschen, gönne mir jeden einzelnen Tag ein ausgiebiges Verwöhnprogramm mit Masturbation, Meditation und langen Spaziergängen. Ich setze mich intensiv mit meinen Gedanken auseinander, analysiere Gefühle ohne Ablenkung, nur mit mir selbst. Meine innere Liebe ist gewachsen, ich glaube lange war sie überhaupt nicht vorhanden, weil die Vorstellung von Glück stets an jemand anderen gekoppelt war, in der Hoffnung, dass das Dasein womöglich erfüllender sein würde. Aber ich glaube natürlich auch an die Liebe zu einem Menschen, dem gemeinsamen Wachsen, dem monotonen Alltagsgeschichten, an denen man bis zum Ende festhält, der wahren Liebe, wenn sie einem denn begegnet; ein entscheidender Punkt, den ich bei meinem selbst gewählten Singlesein nicht außer Acht lassen kann.

Ich glaube an Freundschaft, eine Beziehung, die einen immer größer werdenden Stellenwert einnimmt, was mich wiederum an eine Freundin erinnert, die lieber Frauen datet als Männer und dabei geht es nicht um sexuelle Begegnungen, sondern darum, Zeit sinnvoll zu gestalten und eine tiefgründige Beziehung aufzubauen. Sie, wie ich —eine selbstbestimmte Frau, die keine Kompromisse macht: Wir haben uns eingerichtet, wir sind Single und verdammt glücklich.

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