Essays

Emotional unerreichbar und die Auswirkungen auf Beziehungen

Zweifel am eigenen Selbstwert machen empfänglich für schmerzhafte Begegnungen und dem Tolerieren bestimmter Verhaltensweisen, die man eigentlich nicht tolerieren sollte.

Von Anne Lomberg am Juli 12, 2023 -
Aktualisiert am Oktober 21, 2023

Auch auf Englisch verfügbar
Emotionally unavailable and the impact on relationships

Was war da wieder los? Denkst du zum wiederholten Male, bei dem sich eine anfänglich schöne Begegnung auf einmal in Rauch auflöst und du dich fragst, wie es eigentlich dazu kommen konnte. Verzweifelt versuchst du die Puzzleteile zusammenzufügen, Antworten zu finden bei demjenigen, der bereits dichtgemacht und sich verabschiedet hat, bis dir nichts anderes mehr übrig bleibt, als aufzugeben und diese Angelegenheit mit dir selbst zu klären.

Emotionale Unerreichbarkeit ist ein Massenproblem zwischenmenschlicher Interaktionen, das Wellen schlägt und sich selbst bei denjenigen entfaltet, die bis dato eigentlich emotional verfügbar waren. Eine Beeinträchtigung, die ihre Kreise zieht und Menschen involviert, die ihre emotionalen Bedürfnisse nie infrage gestellt haben und nun normale Erwartungen für völlig deplatziert halten, weil ihre Gefühle abgewertet wurden. So entsteht ein Teufelskreis, der das altbewährte Beziehungsdenken auf eine völlig neue, vielleicht sogar toxische Ebene bringt. Zumindest dann, wenn man sich dafür entscheidet, sich weiter für emotional unerreichbare Menschen zu öffnen.

Der Anfang

Suchen wir nach den Ursachen für emotionale Unerreichbarkeit, liegen die Ursprünge wie so oft in der Kindheit, aber auch schmerzhafte Erfahrungen vergangener Beziehungen können Auslöser für eine Rückentwicklung im Umgang offener Gefühle, dem Zurückziehen aus jeglicher Verantwortung, der Flucht in unangenehmes Stillschweigen bis zum Ghosting mit komplettem Kontaktabbruch sein. Wenn wir von unseren Eltern vermittelt bekommen, dass Gedanken oder Gefühle nicht wichtig oder berechtigt sind, bietet dies die erste toxische Grundlage für emotionale Unerreichbarkeit im Erwachsenenalter. Natürlich kann dies auch eine Gegenreaktion auslösen, sodass wir uns automatisch zu nicht verfügbaren Personen hingezogen fühlen, weil uns Gefühle der Vernachlässigung und des Verlassenseins allzu vertraut vorkommen und wir uns ernsthaft fragen, ob wir Liebe wirklich verdient haben oder nicht.

Zweifel am eigenen Selbstwert machen empfänglich für schmerzhafte Begegnungen und dem Tolerieren bestimmter Verhaltensweisen, die man eigentlich nicht tolerieren sollte. Das innere Kind hat die Vergangenheit noch nicht verarbeitet und die Komplexität der Eltern-Kind-Beziehung mit ihren Auswirkungen nicht verinnerlicht. Dieses Trauma färbt auf zukünftige Beziehungen ab, indem man selbst emotional abstumpft oder sich auf emotional unerreichbare Menschen einlässt und denjenigen vermutlich eine Weile hinterherjagt, bis man den Prozess der Heilung verstanden hat und einen anderen Weg einschlägt.

Gescheiterte Beziehungen, mit denen man schmerzhafte Erfahrungen verbindet, führen oft zu einer Abgrenzung von Gefühlen, weil wir sie zum einen noch nicht verarbeitet haben und zum anderen nicht noch einmal erleben wollen. Denn Gefühle dem Partner offen darlegen, bedeutet sich verletzlich machen, eine Gefahr, die man lieber vermeidet. Dadurch hält man die neue Beziehung auf Armlänge, spricht tiefgehende Themen erst gar nicht an und weiß, dass man jederzeit aussteigen kann, ohne verletzt zu werden. Emotional unerreichbare Menschen sind sehr kontrolliert in ihrer Kommunikation, indem was sie teilen und was sie lieber für sich behalten. Sie werden sich nie komplett offenbaren, sodass die Beziehung nur an der Oberfläche kratzt, zum Leidwesen des emotional verfügbaren Partners, denn der wird sich selbst ständig kritisch beleuchten und versuchen, den emotional unerreichbaren Partner zu bekehren. Eine Sackgasse, bei der es heißt, lieber bei sich zu bleiben und den eigenen Bedürfnissen mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Der Weg

Wer nach ein paar Erfahrungen mit emotional unerreichbaren Menschen so richtig die Schnauze voll hat, weil sie nur Energie ziehen und Schmerz bedeuten, wird versuchen seine Strategie zu verändern und Erklärungen zu finden, wie es dazu kommen konnte, um am Ende aufzuräumen; und zwar die eigenen traumatischen Umstände, die dazu führen, dass man sich zu diesen Menschen immer und immer wieder hingezogen fühlt, sich selbst reflektieren und wertschätzen und erste Red Flags erkennen, die bisher immer eine Einladung statt Warnung waren.

Red Flags machen klar, ob man das Risiko der Verletzung eingehen will oder ob man sich lieber fernhält und so schnell wie möglich die Flucht ergreift. Nach einer endlosen Reise mit emotional unerreichbaren Männern erkenne ich meine persönlichen Red Flags ziemlich schnell und zieh ab dem Zeitpunkt die Handbremse, weil ich keine Lust mehr habe, meine Kindheitsgefühle, die mit Ablehnung einhergehen, weiterhin zu akzeptieren in der Annahme, dass dies wahre Liebe bedeutet. Manchmal jedoch gehe ich das Risiko bewusst ein, man könnte dies als masochistische Komponente bezeichnen, die mit dem immer wieder gelebten Schmerz eine gewisse Erlösung bringt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Das Ziel

Die eigene Gefühlswelt erkunden, bietet in jeglicher Hinsicht eine Offenbarung, um den Prozess zu verstehen und um sich mit seinen persönlichen traumatischen Erfahrungen auseinanderzusetzen. Dabei geht es zum einen darum, sich selbst wertzuschätzen, Abstriche zu machen, wenn gewisse Warnzeichen auftauchen und Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen, die gut für die mentale Gesundheit sind und die dazu beitragen, ein zufriedeneres Leben zu führen mit Menschen an deiner Seite, die Kommunikation von Gefühlen zelebrieren und für die Empathie kein Fremdwort ist. Auf der anderen Seite geht es darum, für neue Beziehungen offen zu sein, ohne selbst zum emotional unerreichbaren Menschen zu transformieren, die Red Flags zwar erkennen, aber auch nicht alle in eine Schublade zu stecken.

Wer ständig von einer Beziehung zur Nächsten wechselt, sollte sich mal eine Auszeit nehmen und sich mit sich selbst beschäftigen, um tiefgründig zu heilen, sich seinen Ängsten und Wünschen zu stellen, um dem Trauma Platz für neue Erfahrungen zu machen; positive Erfahrungen, die sich auf die nächsten Beziehungen auswirken werden. Beziehungen auf Augenhöhe, die sich einfach schön anfühlen, weil jeder in der Lage ist, seine verletzliche Seite zu zeigen und ihr Ausdruck zu verleihen. Wer wünscht sich das nicht?

Was meine Reise betrifft, so bin ich noch nicht ganz angekommen, auch wenn ich mich meinen eigenen Traumata immer und immer wieder stelle und mir dazu Hilfe durch einen Therapeuten geholt habe. Irgendwie ist mein inneres Kind noch nicht bereit aufzugeben und zehrt von den schmerzbringenden Erfahrungen, die mich weiterhin auf Trab halten. Die Weiterentwicklung ist in vollem Gange und hört scheinbar nie auf. Dennoch spüre ich eine klare Veränderung, was meine Ansprüche gegenüber einem potenziellen Partner betrifft. Jetzt sind meine Antennen feingetunt und empfangen deutliche Signale, die mich davor bewahren, zu viel zu investieren und lieber nur der sexuellen Lust zu frönen, wenn es mich überkommt. Diese Abgrenzung macht keine Kompromisse mehr und entscheidet sich bewusst für den emotional verfügbaren Mann.   
    

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